Steinkohle im Energiemix

Mit der Aufhebung der Revisionsklausel stellt die Bundesregierung die historische Bedeutung des Steinkohlenbergbaus für Deutschland ausdrücklich nicht in Frage. "Das Ruhrgebiet ist eine der bedeutendsten deutschen und europäischen Industrieregionen. Diese Entwicklung wäre ohne den Steinkohlenabbau nie möglich gewesen. Die heimische Steinkohle hat über Jahrzehnte entscheidend zum Aufbau unseres Landes und der Steigerung unseres Wohlstandes beigetragen", gab der CDU-Abgeordnete Thomas Bareiß in der Bundestags-sitzung am 14. April 2011 zu Protokoll.

Steinkohle hatte bis 2010 einen festen Platz im Energiemix der Bundesrepublik Deutschland, da sie sicher verfügbar und preiswert war. Das im Spätsommer 2010 vom Deutschen Bundestag verabschiedete Energiekonzept allerdings wies ihr in ihrem wichtigsten Sektor, der Stromerzeugung, wegen der bei ihrer Verbrennung entstehenden CO2-Emissionen keine nennenswerte Rolle mehr zu. Gleiches sollte im Übrigen in noch stärkerem Maße für die Braunkohle gelten. Erdgas wäre wegen seiner geringeren CO2-Last weniger stark betroffen. Die führende Rolle in der Stromerzeugung sollten gemäß Energiekonzept bis spätestens 2050 die erneuerbaren Energien übernehmen. Für eine Übergangszeit sollten in der Stromerzeugung preiswerte Kernkraftwerke eine Brückenfunktion übernehmen, bis entsprechende Speichertechnologien entwickelt und realisiert sind, die die Regenerativen grundlastfähig machen.

Die Ereignisse im Kernkraftwerk Fukushima in Japan vom März 2011 haben allerdings zu einer neuerlichen Energiewende in Deutschland geführt. Der im Juni 2011 nach 2000 zum zweiten Mal beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie macht es erforderlich, die dadurch vorzeitig entfallenden Stromerzeugungskapazitäten durch fossile Energieträger zu ersetzen, will man sich nicht von Stromlieferungen aus Kernkraftwerken in Nachbarländern abhängig machen. Dies eröffnet der Kohle - damit auch der Steinkohle - gemeinsam mit dem Erdgas eine neue Perspektive. Sie werden als Brücke in das Zeitalter der erneuerbaren Energien und als Backup-Kapazitäten benötigt - das heißt zum Ausgleich der stark fluktuierenden Energie-Verfügbarkeit aus Wind und Sonne. Gleichzeitig wirken sie sich Kosten dämpfend auf den Strompreis aus. Er wird tendenziell ansteigen auf Grund verschiedener, durch den Ausbau der erneuerbaren Energien erzeugter Effekte - wie etwa der Ausbau der Hochspannungsnetze und steigende Einspeisevergütungen. Allerdings stellt sich die Frage nach der längerfristigen Perspektive neuer Steinkohlekraftwerke. Der Bau zusätzlicher und der Ersatz alter, ineffizienter Kraftwerke erfordern hohe Investitionen im Milliarden-Euro-Bereich. Solche Kraftwerke dürften allerdings kaum wirtschaftlich zu betreiben sein. Der Grund: steigende Preise für CO2-Emissionszertifikate und nur geringe Auslastung wegen vorrangiger Einspeisung des Stroms aus erneuerbaren Energien. Der Kapitalrückfluss bliebe aus. Wegen dieser Investitionsunsicherheit wurde vielerorts bereits heute die Planung neuer Kraftwerke aufgegeben oder auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Bundesrepublik ist nicht das einzige Land, das der Steinkohlennutzung wieder eine stärkere Rolle als zuvor zuweist. Japan hat bereits unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe vermehrt Steinkohle auf dem Weltmarkt nachgefragt und wird das bei der Umsetzung seines Beschlusses, ebenfalls aus der Kernenergie auszusteigen, erst recht tun. Darüber hinaus ist und bleibt China trotz ständig steigender eigener Produktion größtes Steinkohlenimportland. Und auch Indien führt im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in zunehmendem Maße Steinkohle ein. Alles zusammen hat schon in diesem Jahr zu größeren Verschiebungen im seewärtigen Kohlenhandel vom atlantischen hin zum pazifischen Markt geführt.

Es gibt gute Gründe dafür, dass erneuerbare Energien zukünftig das Rückgrat der Energieversorgung bilden sollen. Bis sie diese Aufgabe vollständig übernehmen können, muss ihre technische und ökonomische Integration geklärt sein. Zur Vollversorgung ist es ein langer Weg. Die Steinkohle kann beim Übergang helfen - als Energieträger und als Rohstoff.

Strukturwandel im Verbrauch heimischer und importierter Steinkohle in Deutschland
Strukturwandel im Verbrauch heimischer und importierter Steinkohle in Deutschland