Energie für neue Wege

Das japanische Reaktorunglück in Fukushima hat zu einer Neuorientierung der deutschen Energiepolitik geführt. Der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie hat die Diskussion um die Funktion der Steinkohle als Brückenenergieträger auf dem Weg in das Zeitalter der Erneuerbaren wieder entfacht. Die Steinkohle, deren Verbrauch durch die Krise 2009 auf ein "Jahrhunderttief" gefallen war, war im abgelaufenen Jahr der Energieträger mit der höchsten Zuwachsrate (15,4%). Das Verbrauchsniveau früherer Jahre konnte damit aber trotzdem noch nicht wieder erreicht werden.

Rund 23% vom Gesamtaufkommen an Steinkohle in Höhe von 57,1 Mio. t SKE entfielen im Jahr 2010 noch auf die heimische Förderung. Auf Grund der hierzulande vorliegenden geologischen Abbaubedingungen sind ihre Förderkosten nach wie vor höher als der Weltmarktpreis.

Das neue Energiekonzept der Bundesregierung steht für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung. Zentrales Ziel ist, den "Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien" realitätsnah vorzuzeichnen. In den nächsten Jahren sollen vorhandene Reserven bei Gas- und Kohlekraftwerken die Funktion einer "Brückentechnologie" übernehmen, um mögliche Engpässe bei der Stromerzeugung in Zukunft zu vermeiden und gleichzeitig Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die mit dem Energiekonzept und der Energiewende angestrebte Energieversorgung der Zukunft wird zunehmend auf erneuerbaren Energien basieren. Aber auch das Niveau des Energieverbrauchs soll durch Energiesparen und Verbesserung der Energieeffizienz noch stärker sinken. Dazu wird eine "Effizienzrevolution" gefordert. Gerade die energieintensiven Unternehmen in Deutschland haben aber ihre technischen Potenziale schon weitgehend ausgeschöpft. Deshalb müssen zuerst die Potenziale genutzt werden, die ökonomisch günstiger zu erschließen sind.

Ein besonders realistischer Ansatz zur Verbesserung der Energieeffizienz bei gleichzeitiger Umwelt-, Klima- und Ressourcenschonung liegt in der stärkeren Ausschöpfung der Potenziale der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und der Verbindung bestehender Fernwärmenetze. Große Anstrengungen erfordert eine auf erneuerbare Energien gestützte Stromversorgung auch im Hinblick auf die Kapazitätserweiterung der Leitungsnetze. Der Ausbau der Stromnetze wird nicht nur in quantitativer Hinsicht angestrebt. Es wird auch eine qualitative Verbesserung der Leitungskapazitäten, wie sie unter dem Schlagwort "smart grids" zusammengefasst ist, für die Integration der Erneuerbaren erforderlich sein. Parallel dazu sind vorhandene Speicherkapazitäten auszubauen, neue zu entwickeln und umzusetzen. Der deutsche Steinkohlenbergbau überprüft die Machbarkeit von Unterflurpumpspeicherkraftwerken und verfolgt ein konkretes Projekt zum Bau eines Pumpspeicherkraftwerkes auf einer Halde. Die zuverlässigste Pufferfunktion für das Stromnetz liegt jedoch in den vorhandenen Kraftwerkskapazitäten, die zugleich die Netzfrequenz stabilisieren. Moderne flexibel fahrbare Steinkohlekraftwerke sind durchaus in der Lage, auch kurzfristig die erforderliche Kapazität bereit zu stellen. Schließlich muss die Marktintegration der erneuerbaren Energien eine Anpassung des fluktuierenden Angebots an die Stromnachfrage ermöglichen.

Da auch gemäß den ehrgeizigen Ausbauplänen des Energiekonzepts 2020 bis zu 65% und 2030 noch 50% der Stromerzeugung auf nicht-regenerativer Basis zu decken sind, bleibt dafür ein ausgewogener Energiemix unabdingbar, in dem neben den Erneuerbaren die Kohle eine wichtige Rolle behält und nicht durch Gas verdrängt wird. Die Ethik-Kommission "Sichere Energieversorgung" hat ihren Empfehlungen zur Energiewende zwar Gaskraftwerken eine "tragende Funktion" zugedacht, aber auch für die Inbetriebnahme aller in Bau befindlichen oder bereits genehmigten Kohlekraftwerke votiert. Außerdem hat sie eine "High-Tech-Strategie für saubere Kohle" sowie die CO2-Verwertung und eine Wiederbelebung der Kohlechemie angeregt. Wären alle Kernkraftwerke in Deutschland sofort stillgelegt und Atomstrom zu 45% durch Steinkohlenstrom ersetzt worden, hätte sich ein jährlicher Mehrbedarf an Kraftwerkskohle von ca. 22 Mio. t SKE ergeben. Gemessen am Steinkohlenverbrauch 2010 hätten somit - neben Kokskohle und Koks für die Stahlindustrie - insgesamt Kraftwerkskohle im Umfang von 53 Mio. t SKE nach Deutschland importiert werden müssen. Damit hätte Deutschland allein rund 8% des gesamten Welthandels mit Kraftwerkskohle und fast 30% des Volumens des für Westeuropa relevanten atlantischen Marktes für sich beansprucht. Auch wenn sich der Ausstieg schrittweise vollzieht, wird sich Deutschlands hohe Abhängigkeit von Primärenergieimporten, die heute bereits bei über 70% liegt, in den vor uns liegenden Jahren und Jahrzehnten noch verschärfen. Hinzu wird die Abhängigkeit von Stromimporten kommen.

Die Steinkohlenimporte verlagerten sich von Polen, der Tschechischen Republik und Südafrika insbesondere auf die USA und Russland, deren Exporte nach Deutschland jeweils um mehr als das Siebenfache anstiegen. Kolumbien erhöhte seine Liefermengen um das Dreifache, während sich die Importe aus Australien wenig veränderten. 2010 war Russland bei allen drei importierten fossilen Energieträgern das dominierende Lieferland für Deutschland. Zusammen mit den USA und Kolumbien lieferte Russland rund 54% der deutschen Steinkohlenimporte, mit Norwegen und Großbritannien rund 59% der Rohölimporte und mit Norwegen und den Niederlanden rund 96% der Erdgasimporte.

Die weltweite jährliche Steinkohlenproduktion ist innerhalb von 20 Jahren um 85% gestiegen und wird für das Jahr 2010 auf rund 6,7 Mrd. t (+ 10% gegenüber Vorjahr) geschätzt. Davon entfielen 5,8 Mrd. t auf Kraftwerkskohle und 0,9 Mrd. t auf Kokskohle. Die drei bedeutendsten Steinkohlenförderländer mit rund 73% der Weltsteinkohlenproduktion sind China mit 3,4 Mrd. t, die USA mit knapp 1 Mrd. t und Indien mit 0,5 Mrd. t. Die Preisnotierungen auf den Weltmärkten für Steinkohle haben sich von ihren drastischen Einbrüchen erholt und erreichen zum Teil wieder die historischen Höchststände im Boomjahr.

Die EU setzt weiterhin auf eine sichere Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. Dazu will die EU-Kommission bis Ende 2011 einen Energie-Fahrplan vorlegen: Auf der Basis von Szenarien soll er den langfristigen Weg zu einer sicheren, bezahlbaren und emissionsarmen europäischen Energieversorgung bis 2050 weisen. Diese Roadmap soll auch Szenarien für Energiesysteme mit geringen CO2-Emissionen und die erforderlichen energiepolitischen Maßnahmen enthalten. Es spricht vieles dafür, dass langfristige Fragen der Energieversorgung nicht mehr nur auf nationaler Ebene entschieden werden können. Daher ist es zu begrüßen, dass der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs im Hinblick auf die künftige Energiepolitik der EU die Absicht bekräftigt hat, den Energiebinnenmarkt bis 2014 vollenden zu wollen. Damit soll der Wettbewerb gefördert werden, der bislang nur begrenzt funktioniert. Denn bis zu einer gemeinsamen Energiepolitik der EU-Mitgliedstaaten ist es noch ein langer Weg - trotz der Neuregelungen im Vertrag von Lissabon und auch nach der Verabschiedung des dritten EU-Energiebinnenmarktpaketes. Es ist daher dem Europäischen Rat beizupflichten, der Anfang Februar 2011 forderte: "Um die Energieversorgungssicherheit Europas weiter zu verbessern, sollte das europäische Potenzial für eine umweltverträgliche Gewinnung und Nutzung herkömmlicher fossiler Energieträger wie auch unkonventioneller fossiler Energieträger (Schiefergas und Ölschiefer) bewertet werden." Insgesamt spricht viel dafür, dass die Zeit reif ist für eine stärkere Europäisierung der Energiepolitik unter Einbeziehung auch der heimischen Energieträger.

Die deutsche Steinkohle und das Unternehmen RAG nutzen ihr Know-how, um neue "grüne" strategische Handlungsfelder zu entwickeln oder auszubauen. Dazu zählen die weitreichende Nutzung erneuerbarer Energien mit Projekten der Windenergiegewinnung auf Halden, Biomasseanbau auf ungenutzten ehemaligen Bergbauflächen, Wärmerückgewinnung aus Grubenwasser und die schon erwähnten Projekte zur Energiespeicherung. Die Bergbaustandorte bieten hierfür vielfältige Möglichkeiten. Machbarkeit und Marktchancen werden teils noch geprüft, erste Projekte sind bereits angelaufen.

Der Beitrag zu einer sicheren Primärenergieversorgung, den die deutschen Bergleute über Jahrzehnte geleistet haben, kann dadurch nicht ausgeglichen werden. 1996, dem Jahr vor einer der großen kohlepolitischen Weichenstellungen, hatte die deutsche Steinkohle noch einen Anteil von 10% an der Deckung des deutschen Primärenergieverbrauchs und 21% an der deutschen Stromerzeugung. Heute sind es immerhin noch 3% bzw. 6%.

Unsere Verantwortung gegenüber den Menschen in den Bergbauregionen und der Umwelt gebietet einen verantwortungsvollen Umgang mit den Folgelandschaften des Bergbaus. Die "Grüne RAG" kann hierzu einen wertvollen Beitrag leisten.

Steinkohlekraftwerk Voerde
Steinkohlekraftwerk Voerde